Nachhaltig anweiden mit Plan und geringem Risiko

Es ist Mitte/Ende Mai und ich poste einen Beitrag zum Thema Anweiden. Ist das nicht ein bisschen spät? Ist das Thema nicht seit Wochen durch? Viele Pferde sind längst dauerhaft draußen und wurden teilweise schon im April angeweidet. Was habe ich also so spät noch zum Thema zu sagen?

 

Ich möchte dir in diesem Beitrag gerne schildern, wie ich das Anweiden dieses Jahr praktiziere und warum. Mein Vorgehen unterscheidet sich nämlich deutlich von der gängigen Praxis landauf und landab und vielleicht inspiriert es dich dazu, das Thema Anweiden einmal anders zu betrachten.

 

Für mich hat die Weidesaison 2023 noch nicht begonnen. Warum? Weil die Natur noch nicht so weit ist. Es hat hier in Mittelhessen im Frühjahr lange und ausgiebig geregnet, die Nächte waren bis vor kurzem teilweise immer noch kalt (unter 8°C) und auch wenn die Außentemperatur schon auf um die 20°C klettert, heißt das nicht, dass sie Bodentemperatur schon entsprechend hoch ist. Das muss sie aber sein, damit die Pflanzen wachsen können. Stimmt, und draußen ist es ja auch schon ordentlich grün. Aber: nur weil Löwenzahn und Hahnenfuß (auch Butterblume genannt) sprießen, sind die Weiden noch nicht bereit. Wenn wir unsere Pferde auf Weiden stellen möchten, die ihnen gut tun und die nicht mehr oder weniger stark ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, müssen wir dafür sorgen, dass die entsprechenden Pflanzen sich ausbreiten können. Den Großteil der besagten Pflanzen machen Gräser aus, die wenig Energie haben. Und die deshalb nicht so drastisch auf die Figur des Pferdes schlagen. Denn – Hand aufs Herz – die meisten Pferde, die im Sommer dauerhaft auf der Weide sind, kommen deutlich zu dick aus der Weidesaison. Geringe Gewichtsschwankungen im Jahresverlauf sind normal, aber kugelrunde, pralle Pferde nicht, auch wenn das vielerorts das gängige Bild ist.

 

Gut geeignete Pferdeweiden zeichnen sich also durch eine Vielzahl von Gräsern mit wenig Energiegehalt aus. Dazu zählen beispielsweise das Lieschgras und das Knaulgras. Sie müssen aussamen können, um dauerhaft Teil der Vegetation zu sein und wie soll das gehen, wenn sie schon vor der Blüte verbissen, also abgefressen werden? Diese Pflanzen kommen dann nicht wieder, auch wenn die ausgebrachte Saatmischung noch so geeignet ist. Stattdessen breiten sich robustere Gräser aus, die mit frühem Verbiss und anderen Problemen besser umgehen können, z.B. das deutsche Weidelgras. Dieses Gras ist ein sehr energiereiches Hochleistungsgras, das für Rinder bestens geeignet ist (und deshalb auch überall in Deutschland verbreitet ist) – aber nicht für Pferde.

 

Also ist es bereits aus der Sicht der nachhaltigen, sinnvollen Beweidung der Flächen wichtig, den Anweidezeitpunkt nicht zu früh anzusetzen, da sich sonst nicht nur unerwünschte Gräser, sondern auch Giftpflanzen wie das Jakobskreuzkraut, die Herbstzeitlose oder der Sumpfschachtelhalm in der bereits früh angegriffenen Grasnarbe ausbreiten können.

 

Merke: Wenn Knaulgras, Lieschgras und auch Spitzwegerich blühen, ist der Zeitpunkt zum Anweiden günstig – und das ist in der Regel irgendwann Mitte/Ende Mai der Fall, hängt natürlich aber auch von der Region und der Witterung ab.

 

Auch für das Pferd ist dieser gemeinhin als „spät“ empfundene Anweidezeitpunkt deutlich günstiger als das oft praktizierte Anweiden ab Anfang April sobald die ersten grünen Spitzen sprießen. Die sind nämlich alles andere als harmlos, denn „das bisschen Gras“ hat es in sich: um wachsen zu können, steckt die junge Pflanze voller Energie und Zucker – zwei Dinge, die nicht im Übermaß im Pferd landen sollten. Die ausgewachsene Pflanze enthält zu einem späteren Zeitpunkt im Jahr deutlich weniger davon, denn Energie und Zucker hat sie in ihr eigenes Wachstum gesteckt.

 

Hoch gewachsenes, fertig ausgeblühtes Gras ist also für Pferde um ein Vielfaches gesünder als kurzes, noch nicht blühendes Gras.

 

So weit zu den Hintergründen. Jetzt kommt noch hinzu, dass nicht jedes Pferd „einfach so“ auf die Weide gehen kann. Leider ist die Zahl der stoffwechselerkrankten, übergewichtigen Pferde riesig (auch wenn sie nicht immer als übergewichtig erkannt werden) und gerade diese Pferde müssen schonend angeweidet werden oder sollten (mindestens) eine Weidesaison aussetzen, wenn das Risiko einer Erkrankung besteht, zu hoch ist oder nur schwer eingeschätzt werden kann.

 

Ich weiß, das hört nicht jeder gern, aber ein lebenswertes Leben sollten Pferde auch dann genießen dürfen, wenn sie nicht oder nur eingeschränkt auf die Weide gehen können. Das Bild der glücklichen Pferde auf der Weide ist so stark in unseren Köpfen verankert, dass es manchmal wehtut, sich davon zu lösen. Allerdings tut es tatsächlich vor allem dem Besitzer weh, denn auch wenn sich sicherlich jedes Pferd der Welt über Weidegang freut, freuen sie sich garantiert nicht über massives Übergewicht, Insulinresistenz, Hufrehe und andere in vielen Fällen absolut vermeidbare Folgeerkrankungen. Diese beeinträchtigen die Lebensqualität nämlich deutlich mehr als ein (oder zwei, drei) Sommer ohne Weide. Vielleicht muss es auch ein Leben ohne Weide sein und in vielen Fällen ist das eine verantwortungsvolle und lobenswerte Entscheidung pro Pferd.

 

Jetzt weißt du ja wahrscheinlich, dass ich ein solches Pferd habe: eins, das ich nicht „einfach so“ auf die Weide stellen kann, weil ich gerade (noch) nicht einschätzen kann, ob er diese Saison schon so weit ist, oder ob die Reha einfach länger dauert und es erst zur Weidesaison 2024 so weit ist. Das kann und werde ich allerdings im Laufe der nächsten Wochen herausfinden und mein Plan dafür sieht folgendermaßen aus:

 

Am 1. Juni kommt früh morgens Donars Tierärztin und nimmt ihm Blut für ein EMS-Profil ab. Dabei interessiert mich vor allem, wie sich die Relation von Insulin zum Blutzucker verhält und inwiefern sich seine Werte seit dem letzten EMS-Profil im Herbst 2021 verändert haben, damit ich eine Tendenz erkennen kann. Er war jahrelang extrem übergewichtig, hatte aber zu keinem Zeitpunkt einen Reheschub, hat keine Insulinresistenz entwickelt und ist damit KEIN EMS-Pferd. Trotzdem weiß ich, dass die Riesenfettzellen in seinem Körper Spuren hinterlassen haben und möchte diesbezüglich auf der sicheren Seite sein, bevor das Anweiden überhaupt in Frage kommt.

 

Auch wenn er bereits gut abgenommen hat, hat er sein Idealgewicht noch nicht erreicht und gehört damit zur Risikogruppe der rehegefährdeten Pferde.

 

Wenn die entsprechenden Blutwerte also erfreulich ausfallen, beginne ich Anfang/Mitte Juni damit, ihn langsam anzuweiden.

 

Dabei sind mir folgende Faktoren wichtig:

 

Zur kontrollierten Gewöhnung an das neue Futtermittel wird er ein bis zwei Wochen lang frischen Grasschnitt zusätzlich zu seinem Heu bekommen.

 

Das Anweiden auf der Wiese findet früh morgens nach der ersten Heumahlzeit statt, damit er bereits genug Raufutter aufgenommen hat. Ich werde mit 15 Minuten beginnen und die Dauer alle paar Tage um 15 Minuten steigern bis er bei zwei Stunden ist. Dieser Prozess erstreckt sich über 6-8 Wochen – wenn alles gut läuft ist er dann also Ende Juli mit zwei Stunden Weidegang „fertig angeweidet“.

 

In den Monaten August, September und Oktober wird Donar idealerweise die Vormittage auf der Weide verbringen und nach spätestens vier Stunden in den Stall zurückkommen, wo er weiterhin rationiertes Heu bekommt.

 

Das Abweiden findet im November statt, wobei ich die Weidezeit wöchentlich um ca. 30 Minuten reduzieren werde, womit die Weidesaison je nach Witterung spätestens Anfang Dezember endgültig vorbei ist.

 

Ich weiß, dass das umständlich klingt und dass es ein großes Privileg ist, dass ich das An- und Abweiden sowohl logistisch als auch vom Stall aus so gestalten kann, wie Donar es braucht – ich musste drei Mal den Stall wechseln, um in den Genuss dieses Privilegs zu kommen und bin extrem dankbar dafür!

 

Während des ganzen Prozesses achte ich genau auf seine Gewichtsentwicklung, auf Anzeichen, dass ihm die Futterumstellung nicht gut bekommt oder zu schnell stattfindet, auf Warnsignale wie warme Hufe oder quer verlaufende Rillen an den Hufen, auf einen fester werdenden Mähnenkamm, etc. Sobald etwas nicht optimal verläuft, machen wir ein paar Schritte zurück oder brechen das Projekt Anweiden notfalls sogar ganz ab. Ich werde sein Gewicht und seine Gesundheit nicht wissentlich aufs Spiel setzen.

 

Und falls die Blutwerte erst gar nicht so sind, dass ich mit dem Anweiden beginnen könnte?

 

Dann wiederholen wir das Ganze in einem Jahr nochmal und schauen erneut wie die Lage ist. Dann ist es kein Problem, dass er einen weiteren Sommer im Stall verbringt, denn Gesundheit ist Lebensqualität, sodass die Gesundheit für mich immer an erster Stelle steht und um nichts in der Welt durch ein paar Wochen Weidegang, der für die bedarfsgerechte Fütterung eines Pferdes nicht notwendig ist, aufgewogen werden kann.

 

Jetzt bin ich neugierig: welche Gedanken schwirren dir zu meinem Vorgehen durch den Kopf? Schreib mir oder kontaktiere mich bei Instagram, ich bin gespannt auf den Austausch mit dir!

 

Ich helfe dir gerne dabei, auch für dein Pferd die passende Strategie für die Weidesaison und eine Optimierung der Haltungsbedingungen zu entwickeln. Dafür gibt es meine Rundum-Beratungen sowie natürlich die bedarfsgerechte, unabhängige und individuelle Futterberatung vor Ort rund um Marburg oder online – selbstverständlich gehört die Beratung rund um den passenden Fütterungs-Haltungs-Bewegungs-Rahmen für dein Pferd mit dazu.

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