Pferd ist nicht gleich Pferd -

und was das für die Herdenhaltung bedeutet

Die meisten Pferdeliebhaber wissen, dass Pferde eine gewaltige Evolution durchgemacht haben – Pferde, wie wir sie heute kennen, sind oftmals langbeinig, elegant und groß, aber so sahen sie nicht immer aus.

Wesen und Verdauungssystem hingegen unterscheiden sich im Gegensatz zum Exterieur nicht so gravierend von denen der Urpferde. Deshalb lohnt sich ein Blick auf deren Ursprung immer, um die heutigen Pferde besser zu verstehen und nicht selten auch Aufschluss darüber zu gewinnen, warum ein Pferd krank geworden ist. In unserem Pferdealltag gerät dieses Thema oft in Vergessenheit, dabei erklärt es so Vieles.

Am Anfang war das Urpferd

Pferde waren ursprünglich in etwa so groß wie ein Fuchs, hatten vier Zehen und lebten im Wald. Im Laufe der Zeit haben sie sich entwickelt und aus dem Wald heraus bewegt, sodass Steppe, Tundra, lichte Wälder und Gebirge ihre Heimat wurden. Darin hat das Herden-, Flucht- und Steppentier seinen Ursprung, auch wenn unseren wohlbehüteten Rössern nur noch selten Fressfeinde auflauern. Trotzdem, es prägt entscheidend ihr Verhalten und ist für Pferde instinktiv überlebenswichtig, das dürfen wir nie vergessen.

Den Jahreszeiten folgend haben sich einige ursprüngliche Pferde bei Hitze nach Norden und bei Kälte in Richtung Süden bewegt, immer dem Futter- und Wasserangebot folgend. Dabei verbrachten sie (und tun es auch heute noch) 12-18 Stunden täglich mit der Suche nach Futter – nicht mit der reinen Futteraufnahme! In der Steppe Halm für Halm abknabbern ist eben nicht dasselbe wie Heu oder Gras ad libitum… Die Zeit der Aktivitäten der Herde wurde von der Witterung, der Tagestemperatur und dem Insektenaufkommen bestimmt und für Fressen, Schlafen, Ruhen und Äppeln gab es unterschiedliche Orte – so ist das idealerweise auch heute noch und eine artgerechte Haltung sollte immer darauf abzielen, diese Grundbedürfnisse zu erfüllen.

Wer ein bisschen tiefer ins Thema Genealogie der unterschiedlichen Pferderassen eintauchen möchte, kann sich hier einen guten und knappen Überblick verschaffen. In der Forschung wird allgemeinhin davon ausgegangen, dass es bereits vor der Domestizierung durch den Menschen deutlich unterscheidbare Typen gab, welche man in zwei Pony- und zwei Pferdetypen einteilt: Das Nordpony, das Tundrenpony, das Ramskopfpferd und das Steppenpferd.

Und dann kam der Mensch

Seit den Zeiten der Urpferde hat sich natürlich einiges verändert. Die Domestizierung des Pferdes begann im Holozän (Neuzeit), also vor ca. 6000 Jahren in Asien, insbesondere in Russland und der Mongolei. Die damals etwa 1,20-1,30m großen Pferde wurden anders als heute freilaufend in Wald und Flur gehalten – es gab keine Grundfutterbevorratung, denn auch die Menschen waren Nomaden!

Insbesondere eine gute Futterverwertung und die Möglichkeit, Fett im Körper einzuspeichern, sorgten für das Überleben der Pferde.

Erst gut 2000 Jahre später schritt die Domestizierung des Pferdes auch im Orient voran und weitere 500 Jahre später führte die intensivere Nutzung der Tiere schließlich zu einer Veränderung in der Fütterung, indem Gerste, Weizen, Luzerne, Heu und Stroh gefüttert wurden – und nicht selten führten Futterexperimente zu Vergiftungsrehen, aus denen man dann nach dem Prinzip Versuch und Irrtum gelernt hat.

Im weiteren Gang der Geschichte ermöglichten Pferde Wirtschaftswachstum: ohne sie waren Transport, Landwirtschaft und Kriegsführung bald nicht mehr denkbar! Der Energiebedarf der Pferde stieg: zum Grundfutter kam nun vermehrt auch Zusatzfutter hinzu. Außerdem war die Mitnahme von Grundfutter bei Kriegszügen kaum möglich, die Pferde fraßen zu lange daran, die Bäuche waren zu voll, die Leistung eingeschränkt und die Lagerung benötigte zu viel Platz.

Auch die Haltung von vielen Pferden auf engem Raum, u. A. auch in Stadtgebieten, machte im 18. Jahrhundert das Backen von Pressmischfutter oder Futterbroten notwendig, bis ab 1945 die kommerzielle Mischfutterproduktion entstand.

Das moderne Pferd

Im Bereich der Pferdeernährung wurde und wird zwar fleißig geforscht, aber Vieles ist leider noch immer unbekannt.

Deshalb ist es sinnvoll, sich bzgl. der Haltung und Fütterung am Ursprung zu orientieren, denn ständige Bewegung an der frischen Luft, Sozialkontakte, Körperpflege (wälzen, scheuern, knabbern), das entspannte Ruhen und Schlafen und lange Kauzeiten ohne Überversorgung fördern ganz klar die Gesundheit – weil sie essentiell für Pferde sind. Die moderne Pferdehaltung lässt dies jedoch leider nicht immer zu, weil es viele limitierende Faktoren wie Zeit, Geld, Platz und Wissen gibt.

Die Art der Nutzung des Pferdes hat sich außerdem gegenläufig zum Energie- und Proteingehalt im Futter entwickelt: während der Bedarf der allermeisten Pferde geringer ist als in der Vergangenheit (Einsatz überwiegend im Freizeitbereich, was den Laien-Turniersport mit einschließt), wurde die Landwirtschaft intensiviert und Futterpflanzen (in erster Linie für Rinder) züchterisch verändert.

Hinzu kommt, dass Pferd nicht gleich Pferd ist

Die heutige Rassenvielfalt gab es früher so nicht, was die Herdenhaltung deutlich komplizierter macht. Ein wichtiger und meiner Meinung nach entscheidender Faktor für eine gelungene Herdenzusammenstellung ist die Kenntnis über und die Beachtung der verschiedenen Stoffwechseltypen. Die Rede ist hier von „Nordpferden“ und „Südpferden“, wobei die Bezeichnung ungefähr so wenig mit der geographischen Herkunft zu tun hat wie Warm- und Kaltblut mit der Temperatur.

Nordpferde und Südpferde

Nordpferde haben ihre ursprüngliche, sehr gute Futterverwertung von 80% behalten. Sie sind damit sehr leichtfuttrig und haben keinen großen Bewegungsdrang, also wenig Eigendynamik.

Der Körperbau ist tendenziell eher gedrungen, der Kopf massiv, der Hals kurz und kräftig und die Beine stämmig. Typischerweise zählen z.B. folgende Rassen zu den Nordpferden: Shetlandponies, Isländer, Fjordpferde, Haflinger, Criollos, Tinker aber auch PRE, Appaloosas und Araber. Sie sind im Freizeitbereich am häufigsten anzutreffen und neigen durch ihre Leichtfuttrigkeit zu Übergewicht und den oft damit einhergehenden Krankheiten. Sie MÜSSEN aufgrund der eher niedrigen Eigendynamik ausreichend von uns Menschen bewegt werden, um nicht krank zu werden!

Südpferde hingegen haben einen Futterbedarf von 120% und häufig eine eher mäßige Futterverwertung, was sie zu schwerfuttrigen Pferden macht. Sie haben einen großen Bewegungsdrang, und bringen meist viel Eigendynamik mit.

Der Körperbau ist fein, der Kopf schmal, sie haben einen langen, schmalen Hals und lange, schlanke Beine. Zu den Südpferden zählen das Englische Vollblut und sämtliche Warmblüter und andere Rassen mit entsprechend hohem Vollblutanteil, z. B. das Deutsche Reitpony. Sie leiden tendenziell eher an „Sportverletzungen“ wie Sehnenschäden und sind anfälliger für Infekte während Übergewicht bei ihnen eine untergeordnete Rolle spielt. Aufgrund ihres hohen Temperaments und der großen Eigendynamik bewegen sie sich viel von selbst, wenn sie die Möglichkeit dazu haben.

Mischtypen

Selbstverständlich gibt es auch Mischtypen, die irgendwo dazwischen liegen und einen Futterbedarf von 100% haben. Die Heu ad libitum oder 24/7 Weide gut vertragen, davon weder zu dick werden noch abmagern, die vergleichsweise unkompliziert in Haltung und Fütterung gibt. Es gibt auch sehr schwerfuttrige Haflinger, Vollblüter, die zu Übergewicht neigen, wilde, energiegeladene Shettys und phlegmatische Warmblüter. Die sind aber zahlenmäßig eher nicht so stark vertreten und dürfen nicht als Standard angesehen werden, denn nur weil es Pferde gibt, die ohne großes Management auskommen, ist das noch lange nicht die Norm.

Herdenmanagement - ein allgegenwärtiges Problem

Es gehört also mehr dazu als einfach einen Zaun um eine beliebige Gruppe Pferde zu ziehen, denn wenn die Unterscheidung verschiedener Stoffwechseltypen in der Herdenkonstellation nicht beachtet wird kommt einer der beiden Typen zu kurz – im schlechtesten Fall sogar beide. Natürlich ist es möglich einen Tinker und ein Warmblut, ein Reitpony und einen Haflinger zusammenzustellen.

Meistens funktioniert es nur leider nicht, denn die Ansprüche an Fütterung und Haltung, die die beiden Stoffwechseltypen stellen sind so unterschiedlich – oft sogar genau gegenteilig – dass ein enormes Management seitens des Menschen nötig wäre, beispielsweise kürzere Weidezeit für den einen, Separation in der Nacht für den anderen, damit er in Ruhe schlafen und fressen kann.

Leider wird das jedoch oft nicht einmal erkannt. Die vertragen sich doch, passt schon, oder? Und währenddessen wird der Tinker immer dicker und das Reitpony baut ab, obwohl beide“artgerecht“ ad libitum Heu fressen können. Das größte Problem in der Pferdehaltung ist, dass der Zusammenhang von Fütterung, Haltung, Gesundheit und Leistung fehleingeschätzt wird und es an Wissen über Futterbedarf und Haltungsmanagement mangelt.

Falls du dir nicht sicher bist, ob der Fütterungs-Haltungs-Bewegungs-Rahmen für dein Pferd passt oder falls du Fragen hast, wie du ihn vielleicht optimieren kannst, schreib mich gerne an – ich helfe dir dabei, die Gesundheit deines Pferdes zu verbessern.

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